Im Süden Hamburgs wird eine Vision Wirklichkeit: Das Kohlendioxid aus den Abgasen der Kraftwerksanlage Reitbrook soll von Mikroalgen in Sauerstoff und Biomasse umgewandelt werden. Aus Schadstoff produziere Futtermittel. Das Ziel emissionsfreie Kraftwerke.

Algen fressen Treibhausgas

Kleinste Organismen mit hohem Potenzial

Die größten von ihnen sind kaum einen Millimeter groß und mit bloßem Auge nicht zu erkennen: Die Rede ist von Mikroalgen – kleinsten Organismen, die Großes vollbringen können. Ihre Zellen teilen sich endlos unter Lichteinstrahlung und Aufnahme von Kohlendioxid, dem klimaschädlichen Treibhausgas. Durch Fotosynthese produzieren sie neben Sauerstoff auch wertvolle energiehaltige Biomasse. Daraus ziehen zum Beispiel die Pharma-, Kosmetik-, Nahrungsmittel- und Tiernahrungsindustrie einen Nutzen, denn die Biomasse strotzt nur so vor Fettsäuren,Vitaminen, Farbpigmenten, Enzymen, Proteinen und vielem mehr. 

Doch die Wissenschaft will jetzt auch in anderer Hinsicht von den kleinen Riesen profitieren: Fachleute nutzen die Vorliebe dieser CO2-Fresser – und füttern die Algen mit Abgasen aus Kraftwerken. In speziell entwickelten Fotobioreaktoren, in die die Abgase gepresst werden, lassen sich die Mikroorganismen das darin befindliche, klimaschädliche CO2 schmecken. Aus Abgasen wird so hochwertige, breiartige Biomasse, die kontinuierlich abgeschöpft und zur Produktion von Biodiesel und Biogas weiterverarbeitet wird. Und das geht schneller als z. B. mit Raps oder Mais, da Algen 10–30-mal schneller wachsen. Während Raps jährlich nur einen Ertrag von max. 1.800 Liter Öl pro Hektar liefert, das zur Biodieselherstellung genutzt werden kann, produzieren Algen leicht die 10-fache Menge. In Deutschland werden heute bereits ca. 15 % (1,4 Mio. Hektar) der Ackerflächen für die Biodieselherstellung genutzt. Die Errichtung einer Anlage ist praktisch überall möglich – gute Ackerböden sind keine Voraussetzung. Die Mikroalgenproduktion steht damit nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung.

Haematococcus

Europas erste Anlage zur Massenproduktion von Algen

Theoretische Machbarkeit und labortechnische Entwicklung sind längst abgeschlossen – jetzt sollen sich die Algen in der Praxis der großtechnischen Massenproduktion bewähren. Um das regenerative Potenzial der Mikroalgen auszuschöpfen und die Wirtschaftlichkeit der Algenproduktion zu verbessern, wird derzeit auf dem Gelände von E.ON Hanse über dem Erdgasspeicher in Reitbrook bei Hamburg eine Forschungsanlage gebaut. Sie ist die erste ihrer Art in Europa und hat zum Ziel, die Effizienz der CO2-Reduzierung aus Abgasen zu erhöhen sowie die Produktion von Algenbiomasse um das Drei- bis Fünffache zu steigern. 

Dazu werden die Rauchgase aus der nahen Kraftwerksanlage – betrieben von E.ON Hanse – in die 1 Hektar große Anlage (größer als ein Fußballfeld) geleitet. Kurz- bis mittelfristig soll auf dieser Fläche in etwa die Menge vernichtet werden, die ein Airbus A380 auf 120.000 km (10-mal eine Flugreise Hamburg–New York und zurück) im Jahr verursacht. 

Möglich wird der Bau dieser Anlage erst durch die finanzielle Förderung der Stadt Hamburg und die Beteiligung von E.ON Hanse. „Wir freuen uns, hier in Hamburg so viel Unterstützung zu bekommen. Nach unseren Erwartungen wird die Technologie in 2–5 Jahren wirtschaftlich sein und einen effektiven Beitrag zur Vermeidung von CO2-Emissionen leisten”, prophezeit Dr. Martin Kerner, Projektmanager des Konsortiums „Technologien zur Erschließung der Ressource Mikroalgen” (TERM), das die Anlage baut und führt. Verläuft der Test erfolgreich, könnten in Zukunft in Deutschland und anderen europäischen Ländern weitere Anlagen errichtet werden, die für weniger CO2 und mehr verwertbare Biomasse sorgen. Einzig der Flächenbedarf setzt dem Wachstum Grenzen – denn um den CO2-Ausstoß eines mittelgroßen Kohlekraftwerks (ca. 3 Millionen Tonnen im Jahr) um 20% zu verringern, wird eine Fläche von mindestens 400 Hektar (mehr als viermal so groß wie Helgoland) benötigt – und in Deutschland gibt es allein ca. 60 Kohlekraftwerke (2006). Die Lösung des CO2- Problems werden Algen also voraussichtlich nicht werden. Aber ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist die Anlage in Reitbrook in jedem Fall. So wird aus faszinierender Forschung aktiver Klimaschutz.Schautafel 

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Quelle: Saison
E.ON Hanse AG
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