Mailight der Woche: Der Sekretärin neuer Pinsel

Felix SutschekJa gut, den 911er gibt’s auch noch, und ganz nebenbei baut man noch für die gut betuchten Rotzbengel den Cayman und für die Sekretärin den Boxster. Aber genau da klafft eine riesen Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit. Den Cayman R der letzten Baureihe, haben wir schon als Underdog testen können, jetzt nehmen wir uns den neuen Boxster S zur Brust.

Kann er mehr als nur die Sekretärin gut aussehen lassen wenn sie darin sitzt? Ja er kann!

Von außen betrachtet fällt auf, dass der Boxster erwachsener geworden ist. Maskuliner. Vor allem aber emanzipiert er sich vom 911 . Jetzt nimmt er deutlich mehr Anleihen am kommenden 918 als am Übervater 911. Nach oben gestreckte Scheinwerfer, ein in die Rückleuchten integrierter Bürzel und ein jetzt länger wirkendes Heck geben ihm eine sehr eigenständige Erscheinung. Gefällt. Dazu die riesigen 20-Zoll Felgen des Testwagens, und fertig ist ein rundherum gelungenes Cabrio. Neu, ohne Design-Experimente.

Dennoch wirkt der alte Boxster nicht gleich altbacken im Vergleich. Die zentralen Wesens Elemente sind auch nicht geändert worden. Ein Kofferraum vorne, einer hinten, mittig vor der Hinterachse ein Gedicht von einem Motor und genau da wo er hingehört, der Arbeitsplatz des Boxster Fahrers. Zwei Sitze müssen reichen. Wer mehr braucht, muss das 911er Cabrio wählen oder sich anderweitig umsehen. Innen geht es richtig luxuriös zu. Kunststück, der Boxster S kostet schon in der Basis 60.000€, bei unserem Testwagen sind für den Preis eines gut ausgestatteten Mittelklassefahrzeugs noch Extras verbaut. Macht in Summe 92.000€. Noch Fragen?

Porsche Boxster S


Viele! “Wie fährt er denn?” wäre eine davon.

Einsteigen. Schlüssel rein und dann... suchen! Gut, im Alltag wird das schon passen, wenn man sich aber zum aller ersten Mal da rein setzt und alles einstellen muss, das kann dauern. Sitzverstellung: alles elektrisch, aber extrem fummelig. Irgendwo links unten, muss man ertasten. Mit dicken Fingern aber kommt man in den Spalt nicht rein. Gut, vermutlich auch nicht ins Auto, also hat sich das schon erübrigt als Kritikpunkt. Einmal eingespeichert und der Sitz stellt sich automatisch auf den Fahrer mit dem entsprechenden Schlüssel ein.

Die Mittelkonsole ist porschetypisch. Alles etwas klein geraten. Viele Knöpfchen, die alle irgendwas machen. Telefon, Navi, Radio, Mediasystem und und und... Mit etwas Geduld erschließt sich alles auch ohne Anleitung, aber fummelig bleibt's. Warum es auf dem Touchscreen kein "zurück" gibt bleibt ein Rätsel. Entweder der Autor hat es nicht gefunden oder aber irgendwer hat sich irgendwas dabei gedacht. Egal - unwichtig.

Start/Stopp Automatik an Bord - Wichtig?

Von den vielen Tasten und Knöpfen die der Boxster hat, sind für mich nur wenige relevant. Verdeck, denn das Wetter ist traumhaft. Klappenauspuff, ich will den Motor in seiner ganzen Pracht hören. Start/Stopp Automatik aus, siehe vorher. Wer kommt eigentlich auf die Idee so etwas wie eine Start Stopp Automatik da reinzubauen? Gut, ja, Flottenverbrauch und blah aber irgendwie...nein! Also, Motor an und all die wichtigen Tasten drücken.

Aaahhhh! Da ist es! Das surren aus 3,4l mit 6 Zylinder und Boxer Anordnung. In Verbindung mit dem Klappenauspuff und dem geöffneten Verdeck ein wahres Gedicht. Ein Gedicht über 315 Rennpferde und einem 7-Gang Doppelkupplungsgetriebe. Ein schöner Tag!

Eins vorweg: Komfortabel ist er nicht. Den Sitz kann man sich ganz gut anpassen, und übertrieben hart ist er nicht, genau so wenig wie das Fahrwerk. Aber der 911er kann den Spagat zwischen Alltag und Rennstrecke irgendwie besser. Mag auch an den 20 Zöllern liegen. Ansonsten ist er extrem unauffällig. Die Automatik arbeitet extrem gut, Schaltvorgänge sind nicht wahrnehmbar. Eigentlich ist man immer im 7 Gang unterwegs. Gleiten, sofern die Straße nicht zu schlecht ist kann er dann doch. Sogar mit Segelfunktion. Wenn man bis 160 vom Gas geht, trennt die Kupplung und der Boxster rollt quasi im Leerlauf dahin. Spart auch Sprit. Bei aktiver Sporttaste geht das natürlich nicht mehr. 

PDK ist 1A

Mir hat mal einer gesagt, dass er das PDK nicht mag. Es sei so perfekt. Völlig unemotional. Da kann ich nur sagen: ja und nein. Ja, es ist perfekt. Zumindest kommt es meiner Definition dafür verdammt nahe. Und nein, es ist nicht unemotional. Die Porsche-Ingenieure haben es geschafft, dem Boxster mit PDK ganz viel Emotionen dazuzugeben. Es ist eine wahre Freude wie laut und frech er seine Zwischengaststöße rausrotzt, wenn man manuell runterschaltet. Vor allem im Schiebebetrieb. Unglaublich diese Soundkulisse. Am liebsten würde ich jetzt nur noch beschleunigen und dann beim Bremsen runterschalten. Hammer!!!

Dann endlich kann der Boxster zeigen was er drauf hat. Wir sind mal wieder beim ADAC in Augsburg. Hier kann er sein wahres Wesen hervorholen. Und tatsächlich, Porsche hat es nicht verlernt Sportwagen zu bauen. Der Boxster ist in seinem Element. Die Bremsen standfest, die Beschleunigung zum Anbeten und ein Kurvenverhalten, das eigentlich eher an ein Go-Kart als an ein Sekretärinnen -Mobil erinnert. Doch, ein echter Sportler. Er ist zwar nicht so rasiermesserscharf beim Einlenken wie es der Cayman R war, aber ein echter Spaßbringer. Im Grenzbereich schiebt er ganz leicht über alle viere nach außen.

Das Feedback von der Lenkung kann nicht ganz mit dem Cayman mithalten, aber dafür kann der hier etwas, was mit dem Cayman irgendwie nicht klappen wollte. Posen. Wer will, kann mit dem Boxster tatsächlich quer fahren. Nicht ganz so elegant wie mit dem 911er, aber man kann ihn als Asphalt-Pinsel missbrauchen. Unglaublich, wie beherrschbar der Boxster ist, dabei wird Mittelmotor-Autos immer nachgesagt so fies zu sein. Wenn er quer kommt, dann blitzartig! Er verlangt eine Hand, die darauf gefasst ist. Das sieht gut aus und macht richtig Laune. Aber eigentlich will der Boxster S etwas anderes. Seine Leistung in Vortrieb umsetzen! Einlenken, Ausgang anvisieren, Gas geben, ab dafür. Quer kommt er nur, wenn man den brutalen Hammer auspackt und ihn reinzwingt. Das Fahrwerk ist auf maximalen Vortrieb ausgelegt. Wir stoppen nie Rundenzeiten, aber der Boxster S ist eines der wenigen Fahrzeuge bei denen ich mir sicher bin, dass er bei ausgeschaltetem ESP schneller ist.

Fazit

Selten hab ich hier so viel Spaß gehabt. Wer also einfach nur ein spaßiges Auto sucht, das obendrein gut ausschaut und im Sommer als Cabrio fungiert, ist hier genau richtig. Und ja meine Herren, wenn die Sekretärin sagt sie habe einen Boxster, dann ist das kein Grund müde zu lächeln. Das heißt eher, dass es schwierig wird, hinterher zu kommen.

Fotos © 2013 Redaktionsbüro Kebschull

Porsche Boxster S